U-Bahn fahren

Ich liebe es U-Bahn zu fahren. Jedenfalls meistens. Na gut, manchmal ist es auch ganz schlimm. Aber vor Kurzem da war es wieder toll.

Ich mag an der U-Bahn, dass sie so verlässlich ist. Und ich mag sie, weil ich mich mit ihr so gut auskenne. Ich kann beinahe blind einsteigen und weiß, an welchen Bahnhof ich umsteigen muss, an welcher Station ich auf welcher Seite aussteigen oder auch auf welcher Höhe ich einsteigen muss, um direkt vor dem Ausgang zu „landen“. Mein Wissen habe ich in meiner Kindheit und Jugend erworben, die ich quasi in der U-Bahn verbracht habe.
Und da in meiner Jugend die Mauer noch stand, kenne ich mich nur im Westen der Stadt gut aus. Außer am U-Bahnhof Möckernbrücke, da haben sie vor kurzem die Rolltreppenrichtung umgestellt. Daran kann ich mich einfach nicht gewöhnen, obwohl das bestimmt erst seit 10 Jahren oder so so ist…

Im Osten kenne ich mich kaum aus. Den U-Bahnhof Alexanderplatz assoziiere ich mit einer Umsteigelaufstrecke von gefühlten 10km und mindestens 20 Minuten Laufzeit. Ich muss eigentlich immer zum weit entferntesten Gleis, treppauf, treppab und wieder treppab, treppauf laufen.

Faszinierend finde ich, wie immer beim Reisen, dass man so eng beieinander sitzt, wildfremde Menschen, mit denen man Oberschenkel an Oberschenkel oder auch Arm an Arm sitzt. Man kann ihnen beim Telefonieren zuhören, ihre Bücher mitlesen oder sie einfach nur anglotzen. Letzteres ist aber auch ein wenig gefährlich, drum versuche ich dann doch immer irgendwie beschäftigt auszusehen.
Neulich kam ich von einer Dienstreise zurück und war völlig begeistert, weil sich mir unbekannte Menschen über eine Facette des Themas unterhielten, mit dem ich mich drei Tage beschätigt hatte und die mir neu war. Sie hatten eine Abendveranstaltung besucht, nannten den Ort für weitere Veranstaltungen und gaben ein paar Insidergeschichten preis. Toll.

In der gleichen U-Bahn, aber einige Stationen später, unterhielten sich ein paar Italiener_innen in entzückendem Deutsch darüber, dass sie sich nun auf Deutsch unterhalten würden, um es zu üben. Der eine von ihnen war darüber nicht so begeistert, weil er die Sprache offensichtlich noch nicht so gut beherrschte. Ich war es umso mehr, denn so konnte ich ihrer Unterhaltung besser folgen. Sie tauschten sich darüber aus, dass es eigentlich so gut wie unmöglich war, sich mit Deutschen anzufreunden. Interessant, denn das hatte ich bisher von Deutschen über die Amerikaner, Spanier, Kandier, etc. etc. gehört.
Sehr schön fand ich, dass eine von ihnen resümierte, dass sie aber deutsche Freunde finden müssten, um ihr Deutsch zu verbessern.
Da sie sich beim Reden anfingen umzuschauen, ob ihnen auch andere zuhören würden, war es mir nicht mehr möglich so zu tun, als ob ich noch in meinem Buch lesen würde. Mit den anderen in der Bankreihe fingen wir an uns zu unterhalten. Das war sehr nett, bis sie aussteigen mussten.

Weniger nett war meine letzte U-Bahnfahrt. Da rutschte ein Mann auf den Boden und schlief ein. Ein paar türkisch-arabische Jugendliche wollten ihm aufhelfen, aber er wollte lieber auf dem Boden schlafen und kuschelte sich in den Rucksack eines Mitreisenden. Das war noch irgendwie originell. Dann wachte er auf, und fing an nonverbal etwas mehr Platz für seine Beine zu fordern. Die Jugendlichen versuchten noch einmal ihn zum Aufstehen zu animieren, aber das ignorierte er. Stattdessen begann er die Frauen an seinem Fußende lautstark zu beleidigen. Da diese sich auf französisch unterhielten verstanden sie hoffentlich nicht, was er sagte, denn nun fing er an zu brüllen, dass sie eine Schande für das deutsche Volk seien.
Nochmal zum Mitschreiben: Ein in der U-Bahn auf dem Boden liegender deutscher Mann bezeichnet französische Mitreisende als Schande für das deutsche Volk.

Wobei, ein paar Frauen fand er toll. Das sagte er ihnen auch. Erstaunlich, dass sie sich nicht freuten…später setzte er sich dann doch mal auf die Bank und erzählte den zufällig anwesenden Mitreisenden von seiner Freundin, die ja sehr depressiv sei und viele andere tragische Geschichten.

Ich überlegte kurz, ob ich mein neu erworbenes Buchwissen im Umgang mit Männern mal an ihm ausprobieren sollte, aber dann musste ich ja leider auch schon aussteigen…

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